Datum (23.September.2011), Stadtleben

Die Intendantin des steirischen herbstes, Veronica Kaup-Hasler, hat sich trotz letztem Vorbereitungswahnsinn bereit erklärt, mit uns über Geister, zweite Welten und Städtchen in der Stadt zu sprechen. Der steirische herbst hat Graz ab 23. September wieder und wir sind froh darüber!
Der steirische herbst versucht jedes Jahr ein gesellschaftlich sowie gesellschaftspolitisch spannendes Thema aufzugreifen. Auf die zweiten Welten sind wir gekommen, weil sie in der Kunstwelt gerade en vogue sind. Und was in der Kunstwelt gärt ist genau richtig für den steirischen herbst. Die zweiten Welten kann man vielseitig interpretieren, einerseits als Perspektivenwechsel, andererseits als parallel nebeneinander existierende Systeme. Da wäre zum Beispiel der andersartige Umgang mit Krankheit und Tod in unterschiedlichen Kulturen. Anderswo werden Verstorbene noch in Feste eingebunden, bei uns weitgehend verdrängt und verbannt. Nicht umsonst gibt es in unseren Breiten ein ungebrochenes Interesse an Vampir- oder Geistergeschichten. Dieses Themengebiet greift unter anderem Michael Esposito auf. Die zweiten Welten ziehen sich also in ihren verschiedenen Facetten wie ein roter Faden durch unser Programm.
Damit sind nicht nur die Geister der Verstorbenen gemeint, sondern auch die der Vergangenheit, die uns immer wieder einholen. Unsere nie bewältigte Vergangenheit der Jahre 1930 bis 45 oder die Titelsucht, die seit der Monarchie in Österreich ihr Unwesen treibt. Das sind Relikte, die gespenstisch anmuten.
Der steirische herbst ist sicher die kulturelle Einrichtung mit der meisten internationalen Strahlweite. Er ist ein außergewöhnliches Festival, eingebettet in europäischen Kontext. Wir freuen uns, dass wir mit der Stadt und den interessanten Künstlern zusammenarbeiten können. Das gestaltet sich bei uns wie ein großer Dialog, der praktisch das ganze Jahr dauert. Der steirische herbst wird auch als Entdeckerfestival wahrgenommen, weswegen zahlreiche internationale Kollegen herkommen, um die Arbeit von Künstlern zu erleben.
Wir spielen mit dem Begriff der „gated community“ (geschlossenen Gesellschaft), indem wir die Veränderung des Lendviertels thematisieren. Von seiner eigentlichen Randlage ist es für viele Grazer mittlerweile zum eigenen Zentrum geworden, da hat sich einiges verändert. Deswegen werden wir dort eine kleine zweite Welt aufbauen, eine Art Westernstadt mit einem Kino, einem Club, einer Bar, und einem Wirt mit großen Leuchtschriften. So entsteht eine Diskrepanz zwischen den überdimensionalen Schildern und den kleinen Gebäuden.
Das kann ich wirklich nicht sagen! Hinter jedem einzelnen Programmpunkt steckt so viel Liebe, egal, ob es eine kleine Performance oder die Rieseneröffnung ist. Ich freue mich einfach auf vier Wochen der intensiven Begegnung, auf viele streitbare Momente und den Austausch zwischen Künstlern und Publikum.
Live dabei sein beim steirischen herbst ist möglich: Die Eröffnung findet am 23. September, der „Last Brunch“ am 16. Oktober statt. Dazwischen gibt es eine geballte Ladung an kunstbezogenen Veranstaltungen überall in der Stadt zerstreut.
Mehr Infos einfach unter http://www.steirischerherbst.at abholen.